Aggressivität bei Alzheimer und Demenz – verstehen, ruhig bleiben und richtig reagieren

Wer einen Menschen mit Alzheimer oder einer anderen Form von Demenz begleitet, erlebt nicht nur schöne und ruhige Momente. Es kann auch zu Wut, lautem Schimpfen, Beschimpfungen, Drohungen oder sogar körperlicher Aggressivität kommen.

Für Angehörige ist das oft erschreckend und verletzend. Besonders schwer ist es, wenn man den Menschen früher ganz anders kannte. Man fragt sich vielleicht: „Warum verhält er sich plötzlich so?“, „Habe ich etwas falsch gemacht?“ oder „Wie soll ich jetzt reagieren?“

Aus eigener Erfahrung weiß ich, wie hilflos man sich am Anfang fühlen kann. Deshalb ist mir eines besonders wichtig:

Der erkrankte Mensch handelt in den meisten Fällen nicht aus Bosheit. Er lebt zunehmend in seiner eigenen Wirklichkeit. Auch wenn er viele Zusammenhänge nicht mehr versteht, können Gefühle, Nähe, Geborgenheit, Angst, Ablehnung und Wertschätzung weiterhin wahrgenommen werden.

Soforthilfe in 60 Sekunden

  1. Ruhe bewahren: langsam sprechen und kurze Sätze verwenden.
  2. Abstand halten: Fluchtweg und eigene Sicherheit beachten.
  3. Gefühl benennen: zum Beispiel „Ich sehe, dass dich das gerade ärgert.“
  4. Nicht diskutieren: keine Beweise oder langen Erklärungen liefern.
  5. Auslöser prüfen: Schmerzen, Durst, Harndrang, Müdigkeit, Lärm oder Angst.
  6. Bei Gefahr Hilfe holen: bei unmittelbarer Gefahr den Notruf 112 verständigen.

Der Mensch ist noch da

Demenz verändert das Gedächtnis, die Orientierung, die Sprache und mit der Zeit auch das Verhalten. Doch hinter der Erkrankung bleibt ein Mensch mit Gefühlen und Bedürfnissen.

Vielleicht erkennt er seine Wohnung nicht mehr. Vielleicht glaubt er, bestohlen worden zu sein, obwohl der Geldbeutel nur verlegt wurde. Vielleicht möchte er nach Hause, obwohl er sich bereits zu Hause befindet. Vielleicht hält er die eigene Ehefrau, den Ehemann oder die Pflegekraft plötzlich für einen fremden Menschen.

Für uns wirkt diese Wahrnehmung falsch. Für den Erkrankten kann sie in diesem Moment jedoch vollkommen real sein.

Wenn wir versuchen, ihn mit aller Kraft von unserer Wahrheit zu überzeugen, kann sich seine Angst noch verstärken. Er fühlt sich möglicherweise nicht ernst genommen, bedrängt oder sogar bedroht. Daraus können Abwehr und Aggressivität entstehen.

Es geht deshalb nicht immer darum, wer recht hat. Viel wichtiger ist die Frage:

Was fühlt dieser Mensch gerade, und was braucht er in diesem Moment?

Aggressivität ist häufig ein Zeichen von Not

Aggressives Verhalten kommt meistens nicht ohne Grund. Der Erkrankte kann seine Bedürfnisse, Ängste oder Schmerzen oftmals nicht mehr richtig ausdrücken. Sein Verhalten wird dann zu einer Form der Mitteilung.

Mögliche Ursachen können sein:

  • Schmerzen, zum Beispiel Zahn-, Rücken- oder Gelenkschmerzen
  • Hunger oder Durst
  • Harndrang, Verstopfung oder eine volle Inkontinenzeinlage
  • Müdigkeit oder Schlafmangel
  • Nebenwirkungen oder Wechselwirkungen von Medikamenten
  • eine Infektion oder eine andere akute Erkrankung
  • Angst und Orientierungslosigkeit
  • zu viel Lärm, Unruhe oder zu viele Menschen
  • grelles Licht oder eine ungewohnte Umgebung
  • Scham bei der Körperpflege oder beim Toilettengang
  • das Gefühl, bevormundet oder nicht ernst genommen zu werden
  • Überforderung durch zu viele Fragen und Aufforderungen
  • Schwierigkeiten, Sprache oder Handlungen zu verstehen
  • Einsamkeit oder fehlende Beschäftigung
  • Veränderungen im Tagesablauf
  • Erinnerungen an frühere belastende Erlebnisse

Besonders wenn sich das Verhalten plötzlich stark verändert, sollte auch an körperliche Ursachen gedacht werden. Schmerzen oder Erkrankungen können sich bei Menschen mit Demenz vor allem durch Unruhe, Rückzug oder Aggressivität zeigen.

Was hilft in einem aggressiven Moment?

1. Selbst ruhig bleiben

Das ist leichter gesagt als getan. Trotzdem überträgt sich unsere eigene Anspannung häufig auf den Erkrankten.

Sprechen Sie langsam, ruhig und mit möglichst kurzen Sätzen. Vermeiden Sie hastige Bewegungen und stellen Sie sich nicht bedrohlich vor die Person. Eine ruhige Stimme ist häufig wichtiger als die verwendeten Worte.

Manchmal hilft ein einfacher Satz: „Du bist nicht allein. Ich bin bei dir.“ Oder: „Ich sehe, dass dich das gerade sehr ärgert.“

Damit bestätigen wir nicht unbedingt die vermeintlichen Tatsachen. Wir nehmen aber das Gefühl ernst.

2. Abstand halten und Sicherheit schaffen

Wenn der Erkrankte schlägt, tritt, schubst oder mit Gegenständen droht, geht die eigene Sicherheit vor.

Halten Sie ausreichend Abstand und sorgen Sie dafür, dass Sie den Raum verlassen können. Bedrängen oder umzingeln Sie den Menschen nicht. Entfernen Sie gefährliche Gegenstände, sofern dies ohne zusätzliche Gefahr möglich ist.

Versuchen Sie nicht, die Person allein mit Gewalt festzuhalten. Das kann Angst und Aggressivität weiter verstärken.

Bei einer unmittelbaren Gefahr für den Erkrankten oder andere Menschen sollte der Notruf 112 verständigt werden.

3. Nicht diskutieren und nicht beweisen wollen

Sätze wie „Das stimmt doch überhaupt nicht“, „Das habe ich dir schon hundertmal erklärt“, „Du bist doch zu Hause“ oder „Sei doch vernünftig“ helfen meistens nicht.

Ein Mensch mit fortgeschrittener Demenz kann Erklärungen möglicherweise nicht mehr verarbeiten. Eine Diskussion führt dann selten zu Einsicht, aber häufig zu noch mehr Frust.

Besser ist es, auf das dahinterliegende Gefühl einzugehen. Wenn der Erkrankte beispielsweise sagt: „Ich muss zu meiner Mutter“, könnte eine Antwort lauten: „Du vermisst deine Mutter. Erzähl mir etwas von ihr.“

Wenn er behauptet, bestohlen worden zu sein, kann man sagen: „Das macht dir Angst. Komm, wir schauen gemeinsam nach.“

4. Gefühle bestätigen

Auch wenn die geschilderte Situation aus unserer Sicht nicht stimmt, ist das Gefühl dahinter echt.

Angst bleibt Angst. Traurigkeit bleibt Traurigkeit. Und das Gefühl, bedroht oder allein zu sein, kann sehr stark sein.

Ein ruhiges Gesicht, ein freundlicher Blick und eine respektvolle Stimme können Sicherheit vermitteln. Berührungen können ebenfalls helfen – aber nur, wenn der Erkrankte diese in dem Moment möchte. Eine unerwartete Berührung kann auch als Bedrohung empfunden werden.

5. Ablenken und die Situation wechseln

Manchmal lässt sich eine angespannte Situation nicht durch Worte lösen. Dann kann eine behutsame Ablenkung helfen:

  • gemeinsam etwas trinken
  • ein bekanntes Lied anhören
  • alte Fotos ansehen
  • aus dem Fenster schauen
  • eine kleine Runde gehen
  • eine vertraute Beschäftigung anbieten
  • in einen ruhigeren Raum wechseln
  • über ein früheres Hobby sprechen

Die Ablenkung sollte nicht hektisch oder offensichtlich wirken. Häufig reicht eine freundliche Einladung: „Komm, wir trinken erst einmal einen Kaffee.“

6. Nur eine Sache nach der anderen

Zu viele Fragen oder Aufforderungen können überfordern.

Statt „Zieh dich bitte an, geh ins Bad, wasch dich und komm dann zum Frühstück“ ist es besser, jeden Schritt einzeln und ruhig zu begleiten: „Wir ziehen jetzt den Pullover an.“ Danach folgt der nächste Schritt.

Auch Fragen mit vielen Auswahlmöglichkeiten können schwierig sein. Einfacher ist „Möchtest du Tee?“ statt „Möchtest du Tee, Kaffee, Wasser oder Saft?“

7. Zeit geben

Menschen mit Demenz brauchen oft länger, um einen Satz zu verstehen und darauf zu reagieren. Wird die Aufforderung sofort wiederholt, entsteht zusätzlicher Druck.

Sagen Sie einen kurzen Satz und warten Sie einen Moment. Vermeiden Sie es, mehrere Personen gleichzeitig sprechen zu lassen.

Bei Aggressivität während der Körperpflege

Waschen, Duschen, Anziehen oder der Wechsel einer Inkontinenzeinlage sind besonders persönliche Situationen. Der Erkrankte kann sich schämen, frieren oder nicht verstehen, warum eine fremde Person ihn ausziehen möchte.

Hilfreich kann sein:

  • jeden Schritt vorher ruhig anzukündigen
  • die Tür zu schließen und die Privatsphäre zu schützen
  • den Körper nur teilweise zu entkleiden
  • vertraute Pflegeprodukte zu verwenden
  • ausreichend Zeit einzuplanen
  • möglichst dieselbe Pflegeperson einzusetzen
  • die Pflege zu unterbrechen, wenn die Situation eskaliert
  • es zu einem späteren Zeitpunkt erneut zu versuchen

Nicht jede Körperpflege muss genau in diesem Moment durchgeführt werden. Manchmal ist eine kurze Pause die beste Lösung.

Nach dem Vorfall: Nicht nachtragen

Wenn der Erkrankte sich wieder beruhigt hat, sollte man ihm sein Verhalten möglichst nicht ständig vorhalten. Er erinnert sich vielleicht nicht mehr daran oder kann nicht verstehen, weshalb man noch verletzt oder verärgert ist.

Das bedeutet nicht, dass Angehörige keine Gefühle haben dürfen. Beschimpfungen oder körperliche Angriffe können sehr wehtun. Trotzdem hilft es, sich bewusst zu machen:

Die Krankheit spricht häufig aus dem Menschen – nicht seine frühere Persönlichkeit und nicht seine wirkliche Beziehung zu uns.

Ein Verhaltenstagebuch kann helfen

Wenn aggressive Situationen häufiger auftreten, kann ein kleines Tagebuch nützlich sein. Notieren Sie:

  • Wann trat das Verhalten auf?
  • Was geschah unmittelbar davor?
  • Wer war anwesend?
  • War es laut oder unruhig?
  • Hatte der Erkrankte gegessen und getrunken?
  • Könnten Schmerzen, Harndrang oder Müdigkeit eine Rolle gespielt haben?
  • Gab es Veränderungen bei Medikamenten?
  • Was hat zur Beruhigung beigetragen?

Oft werden dadurch bestimmte Muster erkennbar. Vielleicht treten die Probleme immer bei der Abendpflege, in einer lauten Umgebung oder bei einer bestimmten Tätigkeit auf. Dann kann der Tagesablauf entsprechend angepasst werden.

Wann sollte ärztliche Hilfe gesucht werden?

Eine ärztliche Abklärung ist besonders wichtig, wenn:

  • die Aggressivität plötzlich neu auftritt
  • sich das Verhalten innerhalb kurzer Zeit stark verändert
  • Schmerzen vermutet werden
  • Fieber, Atemnot, Stürze oder Verletzungen hinzukommen
  • der Erkrankte kaum noch trinkt oder isst
  • ein Harnwegsinfekt oder eine andere Infektion möglich ist
  • neue Medikamente eingenommen oder Dosierungen verändert wurden
  • der Erkrankte sich selbst oder andere gefährdet
  • Angehörige oder Pflegekräfte die Situation nicht mehr bewältigen können

Die Ärztin oder der Arzt sollte prüfen, ob körperliche Beschwerden, Medikamente oder eine akute Erkrankung beteiligt sind. Medikamente gegen Unruhe oder Aggressivität sollten nicht vorschnell und nur nach sorgfältiger ärztlicher Prüfung eingesetzt werden.

Auch Angehörige brauchen Schutz und Hilfe

Niemand muss Aggressivität einfach aushalten. Verständnis für die Erkrankung bedeutet nicht, sich selbst in Gefahr zu bringen oder die eigenen Grenzen zu ignorieren.

Angehörige leisten oft sehr viel – manchmal über viele Monate oder Jahre. Dauerhafte Anspannung, Schlafmangel und das Gefühl, immer verantwortlich zu sein, können krank machen.

Hilfe anzunehmen ist kein Versagen. Unterstützung bieten zum Beispiel:

  • Hausärztinnen und Hausärzte
  • Gedächtnisambulanzen und neurologische Praxen
  • Pflegeberatungsstellen und Pflegestützpunkte
  • ambulante Pflegedienste
  • Tagespflegeeinrichtungen
  • Angehörigengruppen und Demenzberatungsstellen
  • Kurzzeit- und Verhinderungspflege

Ein Gespräch mit anderen Betroffenen kann besonders wertvoll sein. Oft hilft bereits die Erkenntnis: Ich bin mit diesen Erfahrungen nicht allein.

Was am Ende wirklich zählt

Ein Mensch mit Demenz versteht vielleicht unsere Erklärungen nicht mehr. Er vergisst möglicherweise unsere Worte und weiß später nicht mehr, wer ihn besucht hat.

Aber die Stimmung eines Augenblicks kann bleiben.

Der Erkrankte kann spüren, ob jemand ruhig oder ärgerlich ist, ob er abgelehnt oder angenommen wird und ob die Situation Sicherheit oder Angst vermittelt. Deshalb sind Geduld, Respekt, eine ruhige Stimme und menschliche Nähe so wichtig.

Wir können die Krankheit nicht wegdiskutieren. Wir können aber versuchen, den Menschen in seiner eigenen Welt ein Stück weit abzuholen.

Nicht immer gelingt das. Auch Angehörige sind nur Menschen. Es wird Situationen geben, in denen man erschöpft, traurig oder ratlos ist. Dafür sollte sich niemand schämen.

Manchmal bedeutet guter Umgang nicht, für jedes Problem sofort eine Lösung zu haben. Manchmal bedeutet er einfach:

Da zu sein, Sicherheit zu vermitteln und den Menschen hinter der Krankheit nicht aus den Augen zu verlieren.

Passender Ratgeber zum Weiterlesen

Auch der wiederholte Wunsch „Ich will nach Hause“ kann bei Demenz zu Unruhe und Konflikten führen. Im neuen Ratgeber erfahren Angehörige, was hinter diesem Wunsch steckt und wie sie einfühlsam reagieren können.

Zum Ratgeber: Wenn Menschen mit Demenz nach Hause wollen

Weiterführende Hilfe und Austausch

Im geschützten Demenz-Forum können Angehörige Erfahrungen teilen und Fragen stellen. Weitere verständliche Informationen zu Vollmachten, Pflegegrad und Unterstützung finden Sie in der Übersicht Vorsorge & Pflege.

Hinweis: Dieser Beitrag ersetzt keine ärztliche Beratung. Bei plötzlich auftretender starker Verhaltensänderung oder einer Gefahr für den Erkrankten beziehungsweise andere Menschen sollte professionelle Hilfe eingeschaltet werden.

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